Vom Vergessen retten

OCALIC OD ZAPOMNIENIA

 

Beim Erforschen meiner Vorfahren unternahm ich viele Reisen nach Polen und kam zu der Erkenntnis, das dieses Land untrennbar mit der Familie Benjak verbunden ist. Ob meine Oma Franziska, geboren in Strzelcach Opolskich, oder mein Opa Gustav, geboren in Olszyna. Bei diesen Reisen lernte ich die Menschen immer besser kennen. Nach anfänglichen großen Bedenken kam ich mehr und mehr zu der Meinung, dass es sehr gastfreundliche Menschen sind. Viele Vorurteile fingen an zu bröckeln. Ich fing an, mich mit der deutsch-polnischen Vergangenheit auseinander zu setzen und musste feststellen, dass ich nicht viel darüber wusste, oder ein sehr einseitiges Bild hatte.

Es stellte sich immer wieder die Frage: Warum ist so viel in diesem Lande von großem Gegensatz. Was hält unsere beiden Völker auf so große Distanz?

Bei den Reisen 2003 und 2004 kam ich zu der Erkenntnis, dass diese Fragen recht gut anhand von Denkmalen und historischen Gebäuden zu beantworten sind.

Schlossturm 

Groß Strehlitz/Strzelcach Opolskich

Polen ist kein Land, das sich in Europa mit imponierender Zahl von Denkmälern auszeichnet. Im Vergleich zu England, Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien und sogar Tschechei oder Ungarn ist das Kulturerbe der Vorfahren in den Werken der Architektur und Malerei bescheiden. Dafür gibt es viele Ursachen: U.a. viele Kriege, die einzelne Stadtteile verwüstet haben, nationale Aufstände, große Brände, die nicht nur Menschen, sondern auch Städte und Dörfer in Schutt und Asche legten.

Schloss

 Groß Strehlitz/Strzelcach Opolskich

 

Im Buch ‘Popioly" von Stefan Zeromski befindet sich eine in einer Erzählung fürchterliche Szene aus den Zeiten des Napoleonkrieges, wo der Herzog Gintult, ein Aristokrat, subtiler Intellektueller und Kunstkenner, versucht die Befehlsausführung des Generals Sokolnicki zu vereiteln, der befahl eines der wunderschönsten polnischen Denkmäler, das Kloster und die St. Jakob-Kirche in Sandomierz, zu bombardieren. Desperat und taub auf die Schönheit der Architektur richtet General Sokolnicki die Kanonade auf die historischen Mauern und verwandelte sie in eine Trümmerhalde, und deren Beschützer, Herzog Ginult, stirbt durch die Hand eines Kanoniers, während er versucht, dem Kanonier die angezündete Lunte, die dem schönen Gebäude Vernichtung bringen sollte, aus der Hand zu reißen.
Solche Beschreibungen aus der historischen Literatur kann man sehr viele aufzählen.

Nicht nur Kriege zerstörten die Denkmäler auf den Gebieten, die heute zu Polen gehören. Nicht weniger „Leistung" im Werk der Destruktion hatte Unbekümmertheit, Verschwendung, Armut und gewöhnliche Faulheit der Vorfahren und Erben der historischen Objekte. Der Marquis de Custine, der Autor des Buches „Briefe aus Russland" schrieb vor über 150 Jahren in einem der Briefe, in dem er bei einer Durchreise durch das polnische Gebiet beschreibt, dass Polen ein seltsames Land sei, wo die Schlösser in der Regel ruiniert seien, ohne Dächer, mit durchlöcherten Türmen, mit leeren Augenhöhlen der Fenster und mit vernachlässigten Parks. Ganz anders als in Frankreich, wo viele Schlösser in der Regel bewohnte Residenzen oder Hotels sind.

Seit 150 Jahren hat sich wenig verändert. Trotz der Beamtenarmee, deren einziges Ziel und Pflicht die Registrierung und Rettung der Kulturgüter ist, bleibt die Lage der Denkmäler weiter oft sehr dramatisch und beunruhigend. Außer ein paar ausgewählten Objekten, auf die ein Strom von staatlichem Geld gerichtet ist, weil sie eine Visitenkarte der polnischen Kultur bilden: Wie Wawel, das Königsschloss in Warszawa, der Präsidentenpalast, das Parkschloß Lazienki und die Paläste in Lancut und Pszczyna, oder Brzeg. Außer ein paar Museen, sind die Denkmäler in Polen, um zart auszudrücken, zu einem unsicherem Schicksal und ständiger Unterfinanzierung verurteilt.

Kirche in Szymiszow

Die Situation ist sehr dramatisch auf den so genannten „Wiedergewonnenen Gebieten", die eine Drittel des jetzigen Territorium Polen ausmachen.

Die Folgen des letzten Weltkrieges komplizierten auf eine spezielle Weise das Problem des Aufbaus und Schutzes der Denkmäler. Neben den enormen Zerstörungen wurde der polnische Staat geografisch 250 Kilometer von Osten nach Westen verschoben. Polen verlor ein großes eher ländliches Gebiet im Osten, darunter 180 Städte, im Westen dagegen gewann es ein kleineres Gebiet, aber mehr städtischen Charakters und höher entwickelter Kultur mit 300 Städten.

Die polnischen Denkmäler in Lwow, Vilnius, Tarnopol oder Krzemieniec blieben außerhalb der Grenzen des polnischen Staates. Die deutschen Denkmäler in Wroclaw, Szczecin, Opole oder Jelenia Gora befanden sich seitdem in polnischen Händen und unter polnischer Verwaltung. Wie seinerzeit der berühmte polnische Publizist Jan Jozef Lipski geschrieben hat, wurde Polen zum Verwalter der deutschen Denkmäler.

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Schon von der psychologischen Seite musste es fatale Folgen haben. Denn wie sollte es sein, dass Ukrainer und Litauer sich um polnische, und Polen um deutsche Denkmäler kümmern sollen? Und das neben dem Absurdität des nationalen Hasses, der nach den ethnischen Kriegssäuberungsaktionen zur höchsten Spitze getrieben wurde?

Im 1945 zerstörte Kirche in Welkersdorf

Nach dem Krieg, nach der Hölle des hitlerischen Völkermordes, reagierten die Polen auf alles, was Deutsch war, ist oder den Anschein zeigte, allergisch. In dieser Zeit wurden Tausende von deutschen Friedhöfen, besonders protestantischen, darunter auch die mit außergewöhnlichen Kunstwerten, völlig vernichtet. Der schöne deutsche Friedhof Grabiszynski in Wroclaw, der unter anderem die Ruhestätte des Forschers Alzheimer ist, erfuhr ein schlimmeres Schicksal, sowie der berühmte Friedhof Lyczakowki in Lwow unter der ukrainischen Verwaltung.
Dasselbe Schicksal erging auch den Schlössern, Palästen, Residenzen der preußischen Aristokratie, der reichen deutschen Besitzer von Gütern auf den so genannten „wiedergewonnenen Gebieten". Von Bytom und Gliwice, durch Opole, Wroclaw, Legnica, Glogow, Zielona Gora, Szczecin, Koszalin, Slupsk, Gdansk, Elblag und Olsztyn. Es waren Gebiete, die im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts einen außergewöhnlichen Bauboom erlebten. Fast jedes größere Dorf in Schlesien oder Pommern hatte einen palastartiges Gut mit einem großen, sehr oft viele Hektar großem Park.
Diese Güter hatten nicht selten eine enorme Größe, z.B. so wie die in Ksiaz bei Walbrzych, Gorzanow bei Klodzko, Kamieniec Zabkowicki, Kopice, Swierklaniec bei Tarnowskie Gory, Sokolowsk. Mit ihrer Größe kann sich, in polnischen Verhältnissen, nur das Schloss auf Wawel vergleichen, von den kleineren Palästen dagegen, der Größe nach. Wenn auch der Krieg diese Residenzen unberührt ließ, dann wurden sie in der Regel ein Objekt für eine Welle der Diebe, die durch Schlesien, das mittlere Gebiet hinter dem linken Oderufer und Pommern in den Jahren 1945-1946, durchzogen.

Südliche Teil Schloß 

 Groß Strehlitz/Strzelcach Opolskich

Die Degradierung und sehr oft totale Vernichtung der deutschen Paläste und großen Bauernwirtschaften wurde von vielen Faktoren begünstigt.Zum Beispiel durch die deutsche Herkunft - damals, im Jahr 1945, sogar für hitlerisch gehalten, die relativ kurze Geschichte (die Paläste waren nicht älter als ein Jahrzehnt), Erbauung in Sezessionsstil, eine niedrige Achtung der Architekturkunstwerke und die reiche Ausstattung.

Weiter die Tatsache, dass die Paläste und Landhöfe im Sinne der Ideologie für klassenfeindlich gehalten wurden. Nach 1945 baute man fünfzig Jahre lang einen ideologischen, sozialistischen Staat, in dem allgemeine Verachtung zu allen Kapitalisten, Fabrikanten, Bankleuten und Großgrundbesitzern herrschte. Diese flüchteten oder kamen um, ihr Stammsitze unterdessen blieben ungeschützt, verlassen, ohne den Besitzer; deshalb galten sie als herrenlos und jeder konnte sich nehmen, was er wollte.

Czocha/Tschocha Niederschlesien Polen

In der Zeit von 1945 bis 1950, in den Zeiten der Parzellierung, beraubte man diese Gebiete unbarmherzig. Es wurden Möbel, Gemälde und Skulpturen gestohlen. Einen Teil sicherte u.a. Professor Stanislaw Lorenz, indem er die Gegenstände nach Warszawa brachte.

In den 50gern organisierte man in vielen Palästen Sitze des Volkseigenen staatlichen Guts, Sozialfürsorgehäuser, Volksuniversitäten, manchmal Schulen und Museen, manche wiederum wurden mit Einwohnern besiedelt. Dieses hielt den Prozess des Verfalls an, denn man gab Acht, dass das Dach nicht undicht wurde, das die Fenster verglast, die Zimmer warm und die Türen geschlossen blieben. Manche volkseigene Güter, die, eimen für die Kunst und die Schönheit der Architektur empfänglichen Leiter hatten, blieben auf einem guten Niveau erhalten.

Im Jahr 1989 kommt eine radikale Veränderung des gesellschaftlich, wirtschaftlichen und politischen Systems in Polen. Am Anfang schien es, als ob eine glückliche Zeit für die Immobilen und Denkmäler in den westlichen und nördlichen Gebieten Polens gekommen war. Das private Eigentum sollte das gesellschaftliche Eigentum ersetzten.
Man glaubte, dass eine Ordnung und Transparenz der wirtschaftlichen Regel geschaffen werden konnte. Und wirklich, im engen Rahmen ist es gelungen, besonders, wenn es kleinere Objekte, kleine Höfe und mittlere Bauerngehöfte, die nach dem Wechsel des Besitzers private sommerliche Residenzen für Geschäftsleute und vermögende Künstler wurden, betraf.

Aber die großen Güter, die in den sozialistischen Zeiten oft Sitze der staatlichen Landwirtschaften waren, waren übel dran. Es drohte ihnen eine völlige Vernichtung. Verlassen, wurden sie totalen Verfall überlassen. Man riss die Fenster und Türen aus, die Gebäude wurden zum Treffpunkt der lokalen asozialen Schichten, man riss die Dächer ab, beraubte den Mauern ihre Ziegelsteine. Es gelang bisher nicht, diesen Prozess zu stoppen.

Ein Beispiel ist die dramatische Geschichte des Schlosses und Parks in Strzelcach Opolskich, seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts bis zu den dramatischen Tagen des großen Brands und der Plünderung im Jahr 1945.

Ein weiteres dramatisches Zeugnis sind die Güter in und um Olszyna.

Doch dann kam, besonders in den letzten Jahren, ein großes Interesse für diese verwahrlosten und zerstörten Güter und Schlösser von der historischen Seite. Man fing an, viele Bücher und Alben herauszugeben, alte Fotografien und Ansichtskarten wurden reproduziert, auf denen die damalige Schönheit dieser Objekte zu sehen war.

Obergut Langenöls/Olszyna

 

Oktober 2005

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